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Sucht – wenn ein kurzer Trost das ganze Leben übernimmt

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Wie das Master Key System hilft, Auslöser, Gewohnheiten und Selbsttäuschung zu erkennen und die eigene Wahlkraft zurückzugewinnen

Einleitung

Sucht beginnt nicht immer mit einem großen Absturz. Häufig beginnt sie mit Erleichterung.

Ein Getränk nimmt die Anspannung.

Eine Tablette macht den Abend erträglicher.

Ein Spiel lässt Sorgen für eine Weile verschwinden.

Pornografie ersetzt Nähe, ohne dass Zurückweisung droht.

Essen beruhigt.

Kaufen erzeugt einen kurzen Moment von Freude.

Das Telefon verhindert, dass Stille entsteht.

Arbeit gibt das Gefühl, wichtig und unentbehrlich zu sein.

Am Anfang scheint das Mittel zu helfen. Es verändert einen inneren Zustand, den der Mensch nur schwer aushält. Vielleicht wird Angst leiser, Leere voller, Einsamkeit erträglicher oder Scham für kurze Zeit vergessen.

Später wird aus der Hilfe ein Anspruch.

Der Körper, das Unterbewusstsein oder der gesamte Tagesablauf erwarten nun, dass der vertraute Reiz wiederkommt. Der Mensch greift nicht mehr nur danach, weil er möchte. Er greift danach, weil sich das Leben ohne diesen Reiz plötzlich falsch, leer, unruhig oder kaum erträglich anfühlt.

Genau hier zeigt sich die Macht der Gewohnheit.

Das Master Key System beschreibt, wie Wiederholung innere Wege bildet. Der bewusste Verstand kann etwas wünschen, während das Unterbewusstsein längst eine andere Richtung erwartet. Der Mensch sagt: „Ich will aufhören.“ Sein tieferes System sagt: „Ohne dieses Mittel bist du nicht sicher.“

Dann beginnt der Kampf.

Doch Sucht ist kein einfacher Krieg zwischen einem guten Willen und einem schlechten Verlangen. Sie ist ein gelerntes System aus Auslöser, Spannung, Handlung, Erleichterung und Wiederholung.

Dieses System kann verändert werden.

Aber nicht durch Verachtung.

Nicht durch einen schönen Satz.

Und häufig auch nicht allein.

Sucht ist nicht einfach mangelnde Willenskraft

Menschen mit einer Abhängigkeit hören oft: „Du musst eben wirklich aufhören wollen.“

Dieser Satz klingt logisch. Er erklärt aber wenig.

Viele Betroffene wollen aufhören. Sie haben es sich dutzendfach vorgenommen. Sie haben Substanzen weggeschüttet, Konten gesperrt, Apps gelöscht oder feierliche Versprechen abgegeben.

Trotzdem beginnen sie erneut.

Daraus folgt nicht automatisch, dass ihr Wille unehrlich war.

Das Master Key System unterscheidet zwischen bewusstem und unterbewusstem Denken. Der bewusste Verstand setzt Ziele. Das Unterbewusstsein speichert Erfahrungen, automatisiert Reaktionen und versucht häufig, Gefahr oder Schmerz zu vermeiden.

Der bewusste Verstand sagt: „Ich will nüchtern leben.“

Das Unterbewusstsein erinnert sich: „Alkohol hat mich beruhigt.“

Der bewusste Verstand sagt: „Ich will nicht mehr spielen.“

Das Unterbewusstsein sagt: „Beim Spielen fühle ich Hoffnung und Spannung.“

Der bewusste Verstand sagt: „Ich möchte echte Nähe.“

Das Unterbewusstsein sagt: „Echte Nähe ist gefährlich. Pornografie stellt keine Forderungen.“

Dann wirkt die alte Handlung wie Schutz.

Genau deshalb reicht es häufig nicht, den Willen härter anzuspannen. Der Mensch muss verstehen, wovor ihn die Sucht bisher geschützt, was sie ihm gegeben und welche neue Form dieselbe Aufgabe künftig auf gesündere Weise erfüllen kann.

Selbstsabotage ist oft kein fehlender Wille.

Sie ist ein altes Schutzprogramm.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053