Wie das Master Key System dabei hilft, die verschiedenen Aspekte der Sexualität nicht nur zu verstehen, sondern sie auch im täglichen Leben dort einzubringen, wo man sie für angemessen hält.
In diesem Artikel dreht es sich um Sexualität. Dabei ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Sexualität ist weder bloß Fortpflanzung noch bloß Lust. Sie berührt Körper, Bindung, Scham, Macht, Identität, Selbstwert, Vertrauen, Verletzlichkeit, Fantasie und die Fähigkeit, sich überhaupt lebendig zu fühlen. Genau deshalb ist sie für viele Menschen kein freier Bereich, sondern ein Minenfeld aus Verboten, Überforderung, heimlichen Bedürfnissen und übernommenen Urteilen.
Man kann Sexualität romantisieren. Man kann sie verteufeln. Man kann sie vermarkten, therapieren, moralisieren oder spirituell überhöhen. Nichts davon garantiert, dass ein Mensch einen ehrlichen Zugang zu ihr besitzt. Manche sprechen sehr frei und leben innerlich voller Scham. Andere wirken zurückhaltend und sind mit ihrem Körper vollkommen in Frieden. Wieder andere verwechseln sexuelle Verfügbarkeit mit Liebe, Eroberung mit Selbstwert oder Enthaltsamkeit mit geistiger Überlegenheit.
Das Master Key System ist für dieses Thema besonders geeignet, weil es die Verbindung von Gedanke, Gefühl, Bild, Gewohnheit und Handlung untersucht. Sexualität entsteht nicht erst im Körper. Sie wird durch Vorstellungen, Erinnerungen, kulturelle Suggestionen und wiederholte Erfahrungen geprägt. Der bewusste Verstand prüft, bewertet und entscheidet, welche Bilder und Bedeutungen weitergegeben werden. Das Unterbewusstsein übernimmt Wiederholung, emotionale Intensität und körperlich erlebte Muster.
Wer Sexualität mit Gefahr, Sünde, Demütigung oder Leistungsdruck verbindet, kann bewusst Nähe wünschen und unterbewusst genau jene Reaktionen erzeugen, die Nähe verhindern. Wer Sexualität ausschließlich als Bestätigung verwendet, kann körperlich aktiv und innerlich abgeschnitten sein. Wer Begehren jahrelang unterdrückt, verliert nicht notwendig nur Lust. Er kann den Zugang zu eigener Lebenskraft, Entschiedenheit und persönlicher Wahrheit schwächen.
In einer chakrenbezogenen Sprache wird Sexualität häufig dem zweiten Chakra zugeordnet. Der Solarplexus steht symbolisch für Selbstgefühl, Willen und bewusste persönliche Kraft. Ob man mit diesem Modell arbeitet oder nicht: Die praktische Beobachtung ist treffend. Ein Mensch, der seinen Körper, sein Begehren und seine Grenzen nicht bewohnen darf, hat es schwer, ein klares, selbstbestimmtes Ich zu entwickeln.
Sexualität ist einer der Bereiche, in denen Menschen besonders viel lügen. Nicht immer gegenüber anderen. Sehr häufig gegenüber sich selbst.
Sie sagen, ihnen fehle nichts, obwohl sie seit Jahren kaum Nähe erleben. Sie erklären, Sex sei unwichtig, während Zurückweisung ihr gesamtes Selbstgefühl erschüttert. Sie geben sich besonders frei, obwohl fast jede sexuelle Entscheidung von Bestätigung, Angst oder Gruppendruck gesteuert wird. Sie nennen eine Beziehung leidenschaftlich, obwohl sie hauptsächlich aus Spannung, Eifersucht und Versöhnungssex besteht.
Die Gesellschaft macht es nicht leichter. Auf der einen Seite stehen alte religiöse und moralische Verbote. Auf der anderen steht eine Konsumkultur, die sexuelle Verfügbarkeit mit Freiheit verwechselt. Der Mensch soll begehrenswert sein, aber nicht bedürftig. Er soll offen sein, aber nicht verletzlich. Er soll Grenzen haben, aber niemanden enttäuschen. Er soll funktionieren, genießen und möglichst wenig kompliziert sein.
Das Ergebnis ist keine sexuelle Befreiung. Es ist häufig nur eine neue Form des Leistungsdrucks mit besserer Beleuchtung.
Sexualität wird gern auf Hormone, Technik oder körperliche Funktion reduziert. Diese Ebenen sind wichtig. Sie erklären jedoch nicht, weshalb ein Mensch in einer Situation Lust empfindet und in einer anderen innerlich verschwindet. Sie erklären nicht, weshalb bestimmte Worte, Bilder, Gerüche oder Machtverhältnisse so starke Wirkung besitzen.
Der Körper trägt Erinnerung. Ein Blick kann Sicherheit oder Alarm auslösen. Eine Berührung kann willkommen sein und dennoch eine alte Spannung aktivieren. Ein Mensch kann körperlich erregt sein, ohne sich innerlich frei zu fühlen. Er kann jemanden lieben und trotzdem keine Lust empfinden.
Das Master Key System zeigt, dass äußere Wirkung und innere Ursache eng verbunden sind. Gedanken, Bilder und Erwartungen wirken auf den Körper. Der Körper wiederum liefert Eindrücke, die neue Gedanken und Gefühle erzeugen.
Darum ist die Frage nicht nur:
„Funktioniert mein Körper?“
Sondern:
„Welche Bedeutung hat Sexualität in meinem inneren System?“
Ist sie Verbindung?
Leistung?
Gefahr?
Bestätigung?
Pflicht?
Macht?
Flucht?
Je nachdem, welche Bedeutung tief eingeprägt wurde, entsteht eine andere Form von Sexualität.
In der chakrenbezogenen Betrachtung steht das zweite Chakra für Sexualität, Gefühl, Beziehung, Genuss und schöpferischen Fluss. Das dritte, der Solarplexus, wird mit persönlicher Kraft, Selbstbewusstsein, Willen und bewusster Identität verbunden.
Diese symbolische Reihenfolge enthält eine wichtige Einsicht. Ein Mensch kann schwer zu einer klaren persönlichen Kraft gelangen, wenn er seinen Körper und seine Gefühle grundsätzlich als verdächtig behandelt. Wer Begehren nicht wahrnehmen darf, lernt auch in anderen Lebensbereichen, den eigenen Impuls zu misstrauen. Wer nur durch Zustimmung anderer Zugang zu Lust erhält, übergibt einen Teil des Selbstwertes nach außen.
Das bedeutet nicht, dass jeder sexuell aktive Mensch ein starkes Selbst besitzt. Das Gegenteil kann der Fall sein. Aktivität kann Unsicherheit überdecken. Doch eine gesunde Entwicklung verlangt, dass Körper, Gefühl und Wille miteinander sprechen dürfen.
Der Solarplexus braucht ein Ich, das sagen kann:
„Ich will.“
„Ich will nicht.“
„Ich fühle.“
„Ich entscheide.“
Sexuelle Scham und sexuelle Fremdbestimmung greifen genau diese Sätze an.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053