Werde Mitglied ﹥
Werde Mitglied ﹥

Menschen gefallen wollen

« Startseite

Wie das Master Key System dabei hilft, für sich selbst zu stehen, keine Angst zu haben und auch auf Anerkennung andere zu warten.

Einleitung

In diesem Artikel dreht es sich um den Wunsch, es allen recht zu machen. Dabei ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Rücksicht ist kein Fehler. Freundlichkeit, Höflichkeit und die Bereitschaft, andere Menschen in die eigenen Entscheidungen einzubeziehen, gehören zu jeder funktionierenden Gemeinschaft. Wer nur sich selbst sieht, ist nicht frei, sondern sozial verkümmert.

Problematisch wird Rücksicht dort, wo sie nicht mehr aus freier Entscheidung entsteht. Der Mensch stimmt zu, weil er Ablehnung fürchtet. Er entschuldigt sich, obwohl er nichts Falsches getan hat. Er passt seine Meinung an, beobachtet jede Stimmung im Raum und versucht, mögliche Enttäuschungen bereits im Vorfeld zu verhindern. Er lebt nicht mehr nach dem, was er für richtig hält. Er lebt nach der vermuteten Reaktion anderer.

Das kann sehr freundlich aussehen. Es kann sogar als außergewöhnliche soziale Kompetenz gelten. Der Mensch ist angenehm, hilfsbereit, zuverlässig und selten schwierig. Nur eine Person wird dabei regelmäßig übergangen: er selbst.

Das Master Key System ist für dieses Thema besonders geeignet, weil es den Menschen immer wieder an die innere Ursache zurückführt. Der bewusste Verstand soll prüfen, wählen und Richtung geben. Er soll nicht bloß registrieren, was andere erwarten, und diese Erwartung anschließend in ein inneres Gesetz verwandeln. Wer ständig gefallen möchte, übergibt genau diese Funktion nach außen. Die Umgebung bestimmt dann, welche Version des eigenen Selbst erscheinen darf.

So entsteht ein Leben, das von Zustimmung abhängig wird. Anerkennung ersetzt Wahrheit. Anpassung ersetzt Charakter. Und der Mensch verliert allmählich das Gefühl dafür, wer er wäre, wenn gerade niemand zusähe.

Der Wunsch, gemocht zu werden, ist menschlich. Niemand wird gern abgelehnt, verspottet oder ausgeschlossen. Anerkennung zeigt, dass man in einer Gruppe wahrgenommen und akzeptiert wird. Gerade für Kinder war Zugehörigkeit nie ein Luxus. Sie war Sicherheit.

Darum wirkt Ablehnung so tief. Der erwachsene Verstand mag wissen, dass ein unzufriedener Kollege oder ein enttäuschter Verwandter keine existenzielle Bedrohung darstellt. Das Unterbewusstsein kann dennoch reagieren, als stünde der Platz in der Gemeinschaft auf dem Spiel.

Ein Mensch hört eine Bitte. Eigentlich möchte er Nein sagen. Bevor er denken kann, hat er bereits zugestimmt. Kurz darauf ärgert er sich. Nicht nur über den anderen. Auch über sich selbst. Er weiß genau, dass er erneut gegen die eigene Erkenntnis gehandelt hat.

Später erklärt er, er sei eben ein hilfsbereiter Mensch. Das klingt besser als die Wahrheit. Die Wahrheit könnte lauten: Ich ertrage es schlecht, wenn jemand von mir enttäuscht ist.

Genau dort beginnt das Problem.

Freundlichkeit oder Angst?

Freundlichkeit besitzt eine eigene Würde. Sie muss nicht verdächtigt oder psychologisiert werden. Ein Mensch darf gern helfen, vermitteln und anderen Freude machen. Es gibt genug Rücksichtslosigkeit in der Welt. Aus jeder Hilfsbereitschaft sofort ein Trauma zu konstruieren, wäre die nächste modische Übertreibung.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob du anderen entgegenkommst. Sie lautet, ob du frei dazu in der Lage bist.

Kannst du Ja sagen und auch Nein?

Kannst du helfen, ohne später Groll zu empfinden?

Kannst du eine andere Meinung äußern, ohne dich danach stundenlang schuldig zu fühlen?

Kannst du die Enttäuschung eines anderen aushalten, ohne sofort zurückzurudern?

Wer nur zustimmen kann, ist nicht freundlich. Er ist gebunden.

Das Master Key System unterscheidet zwischen bewusster Entscheidung und automatischer Prägung. Eine Handlung besitzt eine andere geistige Qualität, wenn sie gewählt statt erzwungen wird. Zwei Menschen können dasselbe tun. Der eine handelt aus Großzügigkeit. Der andere aus Angst. Äußerlich sieht man kaum einen Unterschied. Innerlich liegen Welten dazwischen.

Die frühe Schule der Anpassung

Viele Menschen lernen früh, Stimmungen zu lesen.

Sie erkennen am Geräusch einer Tür, an der Art eines Schrittes oder an einem bestimmten Blick, ob Gefahr droht. Sie wissen, wann ein Elternteil gereizt ist, wann besser geschwiegen wird und welche Antwort gerade erwartet wird.

Das Kind wird aufmerksam. Es passt sich an. Es versucht, Konflikte zu vermeiden und die Atmosphäre zu stabilisieren. Vielleicht wird es dafür gelobt, besonders vernünftig, sensibel oder reif zu sein.

Diese Fähigkeit kann später beeindruckend wirken. Der Erwachsene erkennt sofort, was andere brauchen. Er spürt Spannungen, bevor sie ausgesprochen werden, und kann Gruppen geschickt ausgleichen.

Doch eine Fähigkeit, die aus Unsicherheit entstanden ist, bleibt nicht automatisch gesund. Der Mensch nimmt jede Regung wahr, aber nicht mehr die eigene. Er beobachtet den Raum, statt in ihm zu stehen.

Das Master Key System beschreibt, wie wiederholte Eindrücke in das Unterbewusstsein eingehen und dort zu Gewohnheiten werden. Ein Kind prüft nicht: Ist es wirklich meine Aufgabe, die Gefühle der Erwachsenen zu regulieren? Es übernimmt die Aufgabe, weil Zugehörigkeit davon abzuhängen scheint.

Jahre später ist die Familie längst verlassen. Der innere Auftrag bleibt bestehen.

Sorge dafür, dass alle zufrieden sind.

Sei nicht schwierig.

Mach keinen Ärger.

Dann bist du sicher.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053