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Wenn Eltern das Leben ihrer Kinder zu stark formen

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Wie das Master Key System hilft, Schutz, Führung und elterliche Ideale so zu ordnen, dass ein Kind sein eigenes Wesen entfalten kann

Einleitung

Eltern wollen gewöhnlich das Beste für ihr Kind. Sie möchten es schützen, fördern, bilden und auf ein Leben vorbereiten, das möglichst wenig unnötigen Schmerz enthält. Sie wünschen sich Gesundheit, Selbstvertrauen, gute Beziehungen, wirtschaftliche Sicherheit und die Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Das sind keine problematischen Wünsche. Sie gehören zur elterlichen Verantwortung.

Doch zwischen dem Wunsch, einem Kind gute Bedingungen zu geben, und dem Versuch, sein späteres Leben festzulegen, verläuft eine feine Grenze. Sie wird selten in einem einzigen großen Schritt überschritten. Häufig geschieht es durch viele kleine Entscheidungen, die jede für sich vernünftig erscheinen. Das Kind soll lieber dieses Hobby wählen, weil es nützlicher ist. Es soll mit bestimmten Kindern spielen, weil deren Familien besser passen. Es soll eine bestimmte Schule besuchen, gute Noten erreichen, sich ordentlich benehmen und später einen Beruf wählen, der Sicherheit verspricht.

Die Eltern begründen all das mit Erfahrung. Sie kennen die Welt. Sie wissen, wie grausam Menschen sein können, wie schwierig Geld zu verdienen ist und wie schnell eine falsche Entscheidung Folgen haben kann. Gerade deshalb möchten sie dem Kind Umwege ersparen.

Mit der Zeit entsteht jedoch die Gefahr, dass das Kind nicht mehr nur begleitet, sondern entworfen wird.

Es soll nicht einfach wachsen.

Es soll in eine Form wachsen, die bereits im Bewusstsein seiner Eltern besteht.

Das Master Key System arbeitet mit Idealisierung, inneren Bildern, Sprache, Aufmerksamkeit und schöpferischer Ursache. Für Eltern ist diese Lehre daher besonders kraftvoll und besonders heikel. Denn kaum ein Mensch betrachtet ein Kind so häufig, spricht so oft mit ihm und besitzt in seinen ersten Lebensjahren eine ähnlich große Autorität.

Was Eltern wiederholen, erhält Gewicht.

Was sie erwarten, beeinflusst Wahrnehmung.

Was sie fürchten, prägt ihre Entscheidungen.

Was sie im Kind sehen, kann zu einem Spiegel werden, in dem es sich selbst zu erkennen beginnt.

Darum ist die zentrale Frage nicht nur, welches Kind Eltern gern hätten. Sie lautet:

Welche Bedingungen braucht dieses konkrete Kind, damit sein eigenes Wesen sichtbar, kräftig und verantwortlich werden kann?

Ein Kind ist keine leere Fläche

Ein Neugeborenes ist hilflos und vollständig auf andere Menschen angewiesen. Es kann sich nicht selbst ernähren, schützen oder regulieren. Daraus entsteht leicht die Vorstellung, es sei auch innerlich eine nahezu leere Fläche, auf die Eltern Werte, Gewohnheiten und Persönlichkeit schreiben.

Doch Kinder bringen Unterschiede mit. Sie reagieren verschieden auf Geräusche, Berührung, Menschen, Veränderung, Nähe und Frustration. Manche beobachten lange, andere greifen sofort nach der Welt. Manche suchen starke Reize, andere brauchen Ruhe. Manche passen sich schnell an, andere bestehen früh auf einer eigenen Ordnung.

Eltern formen diese Anlagen mit, aber sie erschaffen sie nicht vollständig.

Das Master Key System unterscheidet das wahre Ich von der Persönlichkeit, die aus Erziehung, Erfahrung, Wiederholung, Anpassung, Verletzung und Erwartung entsteht. Die Persönlichkeit ist eine gewachsene Struktur, aber nicht das endgültige Wesen.

Für Erziehung bedeutet das: Eltern wirken stark an der Persönlichkeit ihres Kindes mit. Gerade deshalb sollten sie nicht glauben, jede Anpassung, die sie erzeugen können, entspreche automatisch dem wahren Wesen des Kindes.

Ein stilles Kind kann tatsächlich ruhig sein.

Es kann aber auch gelernt haben, dass sein lebendiger Ausdruck unerwünscht ist.

Ein angepasstes Kind kann rücksichtsvoll sein.

Es kann aber auch ständig prüfen, welche Form Liebe erhält.

Ein leistungsstarkes Kind kann Freude am Lernen haben.

Es kann ebenso früh verstanden haben, dass Anerkennung besonders zuverlässig über Leistung kommt.

Eltern dürfen Verhalten nicht vorschnell mit Wesen verwechseln.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053