Die vorangegangenen Kapitel haben Gedankenmaterial geprüft, Aufmerksamkeit gesammelt und Vorstellungskraft geschult. Kapitel 9 bringt diese inneren Fähigkeiten nun an den Punkt, an dem sie ihren Wert beweisen müssen: in der Tat. Der Gedanke ist die Saat, die Vorstellung das innere Wachstum und die Handlung die sichtbare Blüte. Bleibt die Blüte aus, war der Gedanke entweder nicht tragfähig, nicht ausreichend genährt oder nie wirklich in den Boden des Lebens gesetzt worden.
Haanel nennt Gesundheit, Wohlstand und Liebe als die drei großen menschlichen Wünsche. Alle drei beginnen für ihn in der inneren Welt, doch keine dieser Wirkungen darf auf eine geistige Formel reduziert werden. Gesundheit hängt auch von Biologie, Lebensführung, Umwelt und medizinischer Versorgung ab. Wohlstand wird durch Wertschöpfung, wirtschaftliche Bedingungen, Zugang und Verteilung beeinflusst. Liebe benötigt andere Menschen, deren Freiheit sich nicht durch Gedanken kontrollieren lässt. Die innere Welt ist eine entscheidende Ursache – aber nicht die einzige Ursache.
Im Mittelpunkt des Kapitels steht die Affirmation: „Ich bin vollkommen, perfekt, stark, mächtig, liebevoll, harmonisch und glücklich.“ Ihre Funktion liegt nicht darin, offensichtliche Tatsachen zu leugnen. Sie richtet die Identität auf jenes geistige „Ich“, das Haanel in Kapitel 4 vom wechselnden Zustand des Körpers und der Persönlichkeit unterschieden hat. Ein Mensch kann körperlich krank sein und dennoch sein tiefstes Wesen nicht mit der Krankheit gleichsetzen. Er kann Angst empfinden und trotzdem die Fähigkeit zu Mut in Anspruch nehmen.
Die Geschichte von Frederick Elias Andrews wird als persönliches Heilungszeugnis angeführt. Sie besitzt inspirierenden Wert, ist aber kein medizinischer Beweis dafür, dass eine Affirmation jede Erkrankung heilen könne. Ein Einzelfall erlaubt keine allgemeine therapeutische Schlussfolgerung. Wertvoll bleibt die Erfahrung, dass Hoffnung, beharrliche geistige Ausrichtung, Unterstützung und ein starker Lebenswille den Umgang mit einer schweren körperlichen Situation tiefgreifend verändern können.
Kernaussage: Gesundheit, Wohlstand und Liebe erscheinen äußerlich, verlangen jedoch innere Fähigkeiten und Haltungen, durch die sie erkannt, aufgebaut und getragen werden können.
Haanel sagt nicht, dass Gesundheit, Wohlstand und Liebe bloße Gedanken seien. Er sagt, ihr Zugang beginne innen. Gesundheit verlangt unter anderem Körperwahrnehmung, Selbstfürsorge und die Bereitschaft, notwendige Hilfe anzunehmen. Wohlstand benötigt Wertbewusstsein, Urteilskraft und einen verantwortlichen Umgang mit Mitteln. Liebe setzt Liebesfähigkeit voraus: Offenheit, Grenzen, Wahrhaftigkeit und die Fähigkeit, einen anderen Menschen nicht nur als Erfüllungsinstrument zu betrachten.
Der „Mechanismus“ ist die Art des Denkens, durch die wir uns mit entsprechenden Möglichkeiten verbinden. Wer Liebe für gefährlich hält, Reichtum verachtet und den Körper als Feind behandelt, wird selbst günstige äußere Bedingungen schwerer nutzen können. Innere Ausrichtung erschafft nicht jede Ressource, aber sie entscheidet wesentlich darüber, was wir mit vorhandenen Ressourcen tun.
Kernaussage: Körperliches Wohlergehen und ausreichende materielle Mittel gehören zu einem entfalteten Leben; Mangel entsteht nicht nur durch Natur, sondern häufig auch durch menschliche Verteilungssysteme.
Haanel erkennt an, dass Menschen unterschiedliche materielle Bedürfnisse und Maßstäbe besitzen. Was dem einen genügt, kann für einen anderen tatsächlich einschränkend sein. Wohlstand ist daher keine für alle identische Zahl. Er bezeichnet die Verfügbarkeit jener Mittel, die ein selbstbestimmtes, würdiges und schöpferisches Leben ermöglichen.
Seine Aussage, jeder Mangel entstehe ausschließlich durch künstliche Verteilung, ist zu weit. Dürren, Krankheiten, Naturkatastrophen und begrenzte lokale Ressourcen können ebenfalls Mangel verursachen. Dennoch trifft er einen wunden Punkt: In einer Welt enormer Produktivität existiert viel Not nicht wegen absoluten Fehlens, sondern wegen ungerechter Verteilung, Verschwendung, Machtkonzentration und mangelndem Zugang. Wohlstand ist deshalb nie ausschließlich eine private Bewusstseinsfrage. Er besitzt auch eine gesellschaftliche und moralische Dimension.
Kernaussage: Liebe, Gesundheit und ausreichender Wohlstand bilden gemeinsam eine weitreichende Grundlage menschlichen Glücks.
Liebe kann als erste Notwendigkeit bezeichnet werden, weil selbst Gesundheit und Reichtum ohne Beziehung, Verbundenheit und Bedeutung leer erscheinen können. Menschen brauchen nicht nur romantische Liebe. Sie brauchen Freundschaft, Zugehörigkeit, Selbstachtung und das Gefühl, mit ihrem Leben etwas zu berühren, das über isolierte Selbsterhaltung hinausgeht.
Dass zu einer solchen „Tasse des Glücks“ nichts mehr hinzugefügt werden könne, ist poetisch. Menschen können alle drei Bereiche besitzen und dennoch Orientierung vermissen. Sinn, Freiheit, geistige Entwicklung und schöpferischer Ausdruck bleiben wichtig. Vielleicht sind sie jedoch bereits tief in Haanels drei Begriffen enthalten: Gesundheit als lebendige Ganzheit, Wohlstand als ausreichende Möglichkeit und Liebe als sinnstiftende Verbindung.
Kernaussage: Richtiges Denken schafft die innere Beziehung zu Gesundheit, Wohlstand und Liebe, indem es den Menschen für ihre Prinzipien empfänglich und handlungsfähig macht.
Haanel bezeichnet die universelle Substanz selbst als Gesundheit, Reichtum und Liebe. Damit meint er keine vorhandenen Banknoten oder garantierte körperliche Unversehrtheit, sondern die zugrunde liegenden Möglichkeiten von Leben, Versorgung und Beziehung. Der Mensch verbindet sich mit ihnen durch die Qualität seines Denkens.
„Richtig“ bedeutet hier wahr, konstruktiv und gesetzmäßig. Ein Gedanke ist nicht richtig, nur weil er sich angenehm anfühlt. Wenn er Tatsachen leugnet oder andere Menschen zum Mittel macht, trennt er eher, als dass er verbindet. Der „Geheime Ort des Allerhöchsten“ liegt nicht in fantastischer Selbstüberredung, sondern in jener inneren Übereinstimmung, in der Wahrheit, Liebe und schöpferische Handlung zusammenkommen.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053