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Kapitel 7 – Die Macht der Vorstellungskraft

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Moderne Kommentare zu den 31 Lehrabsätzen

Vorbemerkung

Kapitel 6 hat die Aufmerksamkeit mit einer Lupe verglichen: Solange sie unruhig bewegt wird, zerstreut sich die vorhandene Kraft; wird sie stillgehalten, entsteht ein Brennpunkt. Kapitel 7 zeigt nun, was an diesem Brennpunkt geschehen soll. Aufmerksamkeit allein hält einen Gegenstand fest. Die Vorstellungskraft gibt ihm Form.

Damit betreten wir die eigentliche Werkstatt der bewussten Schöpfung. Alles, was Menschen gezielt erschaffen, existiert zunächst in einer unsichtbaren Gestalt: als Idee, Entwurf, Plan, inneres Bild oder empfundene Möglichkeit. Ein Gebäude steht zuerst im Bewusstsein des Architekten, eine Erfindung im Geist ihres Entwicklers, ein Musikstück im inneren Hören des Komponisten. Selbst eine neue Lebensweise muss zunächst als Möglichkeit erkannt werden, bevor sie in Entscheidungen und Gewohnheiten Gestalt annehmen kann.

Vorstellungskraft ist dabei nicht dasselbe wie Tagträumerei. Fantasie kann unterhalten, trösten oder von der Wirklichkeit wegführen. Schöpferische Vorstellungskraft arbeitet anders. Sie ist auf einen Zweck gerichtet, prüft Einzelheiten, erkennt notwendige Bedingungen und führt schließlich zur Handlung. Sie baut eine innere Form, die klar genug ist, um Verhalten, Lernen und äußere Mittel zu organisieren.

Haanel beschreibt diesen Vorgang teilweise in absoluter Sprache. Er verspricht, Wege und Mittel würden sich öffnen, das Angebot werde der Nachfrage folgen und ein richtig gehaltenes Bild könne nicht fehlschlagen. Solche Aussagen müssen verantwortlich gelesen werden. Vorstellungskraft hebt weder Naturgesetze noch wirtschaftliche Tatsachen, körperliche Grenzen oder die Freiheit anderer Menschen auf. Sie ist kein Ersatz für Wissen und Arbeit. Sie ist das geistige Organ, durch das Wissen und Arbeit überhaupt erst eine bestimmte Richtung erhalten.

Absatz 1 – Das geistige Bild als Modell

Kernaussage: Visualisierung ist die bewusste Erschaffung eines inneren Bildes, das als Modell für zukünftige Entscheidungen, Handlungen und Ergebnisse dient.

Eine Gussform bestimmt, welche Gestalt das hineingegebene Material annimmt. Ähnlich wirkt ein inneres Bild. Es richtet Aufmerksamkeit aus, beeinflusst Erwartungen und hilft dem Menschen zu erkennen, welche Handlungen zu seinem Ziel passen. Ohne ein solches Modell wird Kraft eingesetzt, aber nicht notwendigerweise in eine gemeinsame Richtung.

Das Bild erschafft die Zukunft nicht allein. Eine technische Zeichnung baut kein Haus, aber ohne Entwurf entsteht selten ein geordnetes Gebäude. Visualisierung ist deshalb der Beginn einer Ursachenkette: Das Bild klärt die Absicht, die Absicht lenkt Wahrnehmung, Wahrnehmung erkennt Möglichkeiten, und aus erkannten Möglichkeiten können Handlungen entstehen. Je tragfähiger das Modell, desto weniger Kraft wird durch widersprüchliche Entscheidungen verschwendet.

Absatz 2 – Großzügigkeit im inneren Entwurf

Kernaussage: Das geistige Ideal soll nicht vorschnell durch gegenwärtige Kosten, Mittel oder angenommene persönliche Grenzen verkleinert werden.

In der Vorstellungskraft dürfen wir zunächst über den gegenwärtigen Bestand hinausdenken. Wer bereits beim ersten Entwurf nur berücksichtigt, was er heute besitzt und kennt, entwirft kaum Zukunft. Er kopiert die Gegenwart. Ein großartiges Ideal fragt zuerst: Was wäre seinem Wesen nach richtig, schön und nützlich? Erst danach wird untersucht, welche Schritte, Mittel und Veränderungen dafür notwendig sind.

„Niemand außer dir kann dir Beschränkungen auferlegen“ ist allerdings zu absolut. Menschen leben unter realen politischen, wirtschaftlichen, körperlichen und sozialen Begrenzungen. Andere können Möglichkeiten sehr wohl einschränken. Doch selbst innerhalb solcher Bedingungen fügt der Mensch oft weitere Grenzen hinzu, indem er das gegenwärtig Unmögliche mit dem grundsätzlich Unmöglichen verwechselt. Die Vorstellungskraft soll reale Grenzen nicht leugnen. Sie soll verhindern, dass wir ihnen unnötige Mauern danebenbauen.

Absatz 3 – Klarheit und Beständigkeit

Kernaussage: Ein klares und beständig gehaltenes inneres Bild bringt das Ziel schrittweise näher, indem es Wahrnehmung und Verhalten auf dessen Verwirklichung ausrichtet.

Ein undeutliches Ziel erzeugt undeutliche Entscheidungen. Wer „irgendwie erfolgreicher“ oder „einfach glücklicher“ sein möchte, hat noch kein arbeitsfähiges Bild. Woran wäre Erfolg erkennbar? Welche Tätigkeit, Beziehung, Umgebung und innere Qualität gehören dazu? Was würde der Mensch anders tun? Erst wenn das Bild konkreter wird, können passende Schritte erkannt werden.

Dass das Bild die Sache „an dich heranbringt“, beschreibt eine wechselseitige Annäherung. Der Mensch erkennt passende Informationen, entwickelt Fähigkeiten, spricht mit anderen Menschen und beginnt, sich entsprechend seinem Ideal zu verhalten. Dadurch entstehen neue Reaktionen und Möglichkeiten. Das Ziel nähert sich nicht, während der Visualisierende unverändert bleibt. Es kommt näher, weil er selbst ihm Schritt für Schritt entgegenwächst.

Absatz 4 – Geistige Arbeit statt bloßen Lesens

Kernaussage: Das Wissen über Visualisierung ersetzt weder das Formen eines eigenen Bildes noch die geistige und praktische Arbeit seiner Verwirklichung.

Über Vorstellungskraft zu lesen kann inspirieren, aber der gelesene Gedanke bleibt zunächst das geistige Eigentum des Autors. Der Leser muss ihn prüfen, auf sein Leben beziehen und ein eigenes Bild entwickeln. Sonst besitzt er lediglich Vokabular. Man kann die besten Bücher über Architektur lesen und dennoch keinen einzigen tragfähigen Entwurf hervorbringen.

Haanel spricht von harter geistiger Arbeit. Das ist berechtigt. Ein Ideal klar zu formen verlangt Auswahl. Möglichkeiten müssen verworfen, Widersprüche erkannt und Folgen bedacht werden. Viele Menschen bevorzugen vage Wünsche, weil deren Unklarheit sie vor Entscheidung und Verantwortung schützt. Solange das Ziel unscharf bleibt, kann sein Ausbleiben auf alles Mögliche geschoben werden. Klarheit ist unbequem, weil sie sichtbar macht, ob das tägliche Leben tatsächlich auf das Gewünschte ausgerichtet ist.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053