Kapitel 5 endete mit einer Übung, in der ein vertrauter Ort möglichst vollständig im Bewusstsein rekonstruiert werden sollte. Kapitel 6 untersucht nun die Fähigkeit, ohne die eine solche Vorstellung nicht stabil aufgebaut werden kann: Aufmerksamkeit. Sie entscheidet, welchem Gedanken wir Energie geben, welche Wahrnehmung wir vertiefen und welches Ziel lange genug im Bewusstsein gehalten wird, um Verhalten und äußere Ergebnisse zu beeinflussen.
Aufmerksamkeit ist in unserer Zeit zu einer umkämpften Ressource geworden. Digitale Plattformen, Werbung, Nachrichtenmedien und Unterhaltungssysteme konkurrieren nicht nur um unsere Zeit, sondern um die Führung unseres Bewusstseins. Jede Unterbrechung mag klein erscheinen, doch ihre Summe formt einen Geist, der schnell reagiert und immer weniger verweilt. Ein solcher Geist kann sehr beschäftigt und zugleich kaum noch schöpferisch sein.
Haanel vergleicht den Menschen mit einem Mechanismus, durch den universelle Kraft in bestimmte Wirkungen umgewandelt wird. Wie Elektrizität abhängig vom angeschlossenen Gerät Licht, Wärme oder Klang hervorbringt, hängt die Wirkung des Denkens von der Qualität des menschlichen „Mechanismus“ ab: von Wahrnehmung, Gehirn, Nervensystem, Wissen, Charakter, Absicht und der Fähigkeit zur Konzentration.
Einige physiologische und wissenschaftliche Aussagen dieses Kapitels entsprechen erneut dem Wissensstand des frühen 20. Jahrhunderts und müssen modern eingeordnet werden. Der zentrale Gedanke bleibt davon unberührt: Geistige Kraft ist nicht allein eine Frage der vorhandenen Energie. Entscheidend ist, ob der Mensch einen geeigneten, geordneten und moralisch tragfähigen Ausdruck für sie bereitstellt.
Kernaussage: Die schöpferischen Möglichkeiten des universellen Bewusstseins übersteigen den Ausschnitt, den der einzelne Mensch gegenwärtig überblicken kann.
Was Haanel das Universelle Bewusstsein nennt, bezeichnet die unerschöpfliche Grundlage von Leben, Intelligenz und möglicher Form. Kein Individuum kann diese Gesamtheit vollständig erfassen. Wir erkennen immer nur Ausschnitte, Beziehungen und Wirkungen. Selbst die fortschrittlichste Wissenschaft erweitert mit jeder Antwort zugleich das Feld neuer Fragen.
Diese Unbegreiflichkeit ist kein Grund, auf Erkenntnis zu verzichten. Sie bewahrt lediglich davor, die gegenwärtige Vorstellung mit der Grenze des Möglichen zu verwechseln. Was ein Mensch nicht kennt, existiert nicht deshalb nicht. Was eine Zeit für unmöglich hält, kann der nächsten als selbstverständlich erscheinen. Geistige Offenheit bedeutet daher, den Verstand gründlich zu gebrauchen, ohne ihn zum Maß aller noch unentdeckten Möglichkeiten zu erklären.
Kernaussage: Die entscheidende Frage lautet, wie aus einer umfassenden geistigen Möglichkeit ein bestimmtes, gewünschtes Ergebnis entsteht.
Wenn universelles Bewusstsein zugleich Intelligenz und Substanz ist, muss erklärt werden, wie es sich in einzelne Formen unterscheidet. Ein unbegrenztes Feld von Möglichkeiten ist noch kein Haus, kein Unternehmen, kein Kunstwerk und keine konkrete Lebensentscheidung. Damit eine bestimmte Form entsteht, muss Auswahl stattfinden.
Der Mensch wirkt an dieser Auswahl durch Absicht, Aufmerksamkeit und Handlung mit. Er erkennt aus vielen Möglichkeiten eine bestimmte, hält sie im Bewusstsein fest und stellt ihr Fähigkeiten sowie Mittel zur Verfügung. Das gewünschte Ergebnis wird jedoch nicht allein dadurch „gesichert“, dass es angenehm erscheint. Es muss mit Wirklichkeit, Gesetzmäßigkeit und den Rechten anderer vereinbar sein. Geistige Schöpfung ist keine Sondergenehmigung für persönlichen Anspruch. Sie ist eine Form verantwortlicher Zusammenarbeit.
Kernaussage: Dieselbe grundlegende Kraft kann unterschiedliche Wirkungen hervorbringen, abhängig von dem Mechanismus, durch den sie geleitet wird.
Elektrizität kann eine Lampe erhellen, einen Motor antreiben, ein Gerät erhitzen oder einen Lautsprecher zum Klingen bringen. Die Kraft bleibt elektrischer Strom; die Form ihrer Wirkung wird durch den angeschlossenen Mechanismus bestimmt. Haanel verwendet dieses Bild, um zu erklären, warum universelle Kraft nicht bei jedem Menschen dieselben Ergebnisse erzeugt.
Die Unterschiede liegen nicht zwingend in der Quelle, sondern im Ausdrucksmittel. Wissen, Fähigkeiten, Gewohnheiten, Charakter und Aufmerksamkeit bestimmen, welche Wirkung eine Idee entfalten kann. Ein großartiger Gedanke, der durch einen ungeübten, unzuverlässigen oder selbstsüchtigen Mechanismus geleitet wird, kann schwach, verzerrt oder schädlich erscheinen. Deshalb genügt es nicht, Zugang zu Kraft zu verlangen. Der Mensch muss sich selbst zu einem geeigneten Instrument ihrer Verwendung entwickeln.
Kernaussage: Denken ist die aktive Bewegung des Bewusstseins; seine Wirkung hängt von der Struktur ab, durch die es ausgedrückt wird.
Wind ist bewegte Luft, Denken ist für Haanel bewegtes Bewusstsein. Solange Bewusstsein lediglich als Möglichkeit ruht, ist noch keine bestimmte Richtung gewählt. Der Gedanke bringt Bewegung hinein. Er unterscheidet, verbindet, entwirft und setzt eine Ursache. Doch auch ein kraftvoller Gedanke kann nur durch vorhandene Fähigkeiten, Sprache, Körper und Handlung Ausdruck finden.
Darin liegt der Unterschied zwischen Inspiration und Verwirklichung. Zwei Menschen können eine ähnliche Idee empfangen. Der eine besitzt das Wissen, die Ausdauer und die Beziehungen, um sie umzusetzen; der andere lässt sie als angenehme Möglichkeit vorüberziehen. Die Idee war vielleicht gleich. Der Mechanismus war es nicht. Wer größere Wirkungen will, sollte deshalb nicht nur größere Gedanken verlangen, sondern die eigene Ausdrucksfähigkeit vergrößern.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053