Kapitel 4 hat das wahre „Ich“ von Körper, Verstand, Persönlichkeit und wechselnden Gefühlen unterschieden. Kapitel 5 richtet den Blick nun auf das Material, mit dem dieses „Ich“ arbeitet: das Bewusstsein selbst. Haanel beschreibt es als Zentrum allen für uns erkennbaren Seins, weil jede Wahrnehmung, jede Bedeutung, jede Entscheidung und jede menschliche Schöpfung nur innerhalb und durch Bewusstsein erfahren werden kann.
Besondere Bedeutung erhält dabei das Unterbewusstsein. Es bewahrt die Ergebnisse früherer Eindrücke, Gewohnheiten und Entscheidungen und setzt sie fort, solange keine neue Richtung vorgegeben wird. Dabei trägt jeder Mensch nicht nur seine persönliche Vergangenheit, sondern auch biologische Anlagen, familiäre Prägungen, kulturelle Vorstellungen und gesellschaftliche Vorurteile in sich. Vieles davon wurde angenommen, bevor er überhaupt in der Lage war, es zu prüfen.
Haanel verwendet dafür die Bilder eines geistigen Hauses und eines geerbten Anwesens. Das Haus besteht aus dem Gedankenmaterial, mit dem wir es fortwährend errichten. Das Anwesen steht für die inneren Fähigkeiten und schöpferischen Möglichkeiten, die bereits vorhanden sind, aber erst durch bewussten Gebrauch wirklich in Besitz genommen werden. Ein Erbe, das nicht genutzt und gepflegt wird, bleibt theoretischer Besitz. Dasselbe gilt für geistige Fähigkeiten.
Dabei gilt erneut: Bewusstsein ist machtvoll, aber nicht allmächtig im persönlichen Sinne. Es hebt weder Biologie noch soziale Wirklichkeit oder Naturgesetze auf. Es entscheidet jedoch wesentlich darüber, wie wir mit unseren Voraussetzungen umgehen, welche Anlagen wir entwickeln, welche Prägungen wir korrigieren und welche Form wir unserem Leben innerhalb der gegebenen Möglichkeiten verleihen.
Kernaussage: Ein sehr großer Teil unseres geistigen Lebens verläuft außerhalb der bewussten Aufmerksamkeit; wer diese Ebene nicht versteht, nutzt nur einen kleinen Teil seiner Möglichkeiten.
Haanels Angabe von mindestens neunzig Prozent ist keine präzise neurowissenschaftliche Messzahl. Bewusste und unbewusste Verarbeitung lassen sich nicht einfach wie zwei Flüssigkeiten in einem Messbecher voneinander trennen. Der Grundgedanke ist jedoch richtig: Nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was unser Gehirn und Nervensystem fortwährend verarbeitet, erscheint im bewussten Erleben.
Gewohnheiten, Wahrnehmungsfilter, Sprachverarbeitung, emotionale Reaktionen und körperliche Regulation arbeiten weitgehend im Hintergrund. Wer ausschließlich auf bewusste Vorsätze vertraut, unterschätzt deshalb die Macht des Eingeübten. Ein Ziel kann vernünftig und ehrlich gewählt sein, während tiefere Erwartungen in die entgegengesetzte Richtung ziehen. Die Einschränkung besteht nicht darin, ein Unterbewusstsein zu besitzen. Sie besteht darin, seine Programme für unveränderliche Wirklichkeit zu halten.
Kernaussage: Unterbewusste Vorgänge arbeiten unaufhörlich; die entscheidende Frage ist, ob wir ihnen eine bewusste Richtung geben oder uns von alten Mustern treiben lassen.
Das Unterbewusstsein löst nicht im wörtlichen Sinne jedes Problem. Manche Aufgaben verlangen Fachwissen, Zusammenarbeit, äußere Mittel oder die Anerkennung, dass eine gewünschte Lösung nicht möglich ist. Dennoch besitzt der Geist eine erstaunliche Fähigkeit, Informationen im Hintergrund zu verarbeiten, Zusammenhänge zu erkennen und Handlungen vorzubereiten, sofern ihm eine klare Frage und brauchbares Material gegeben werden.
Ohne bewusste Richtung arbeitet diese Kraft mit dem, was bereits vorhanden ist. Alte Ängste, familiäre Urteile, gesellschaftliche Erwartungen und eingeübte Reaktionen bestimmen dann das Ziel. Der Mensch treibt nicht richtungslos; er folgt lediglich einem Kurs, den er nicht selbst gewählt hat. Bewusste Steuerung beginnt mit drei Fragen: Wohin will ich? Welche Gefahr ist tatsächlich zu beachten? Welche übernommenen Vorstellungen führen mich gegenwärtig, ohne je von mir geprüft worden zu sein?
Kernaussage: Geistige Zustände und körperliches Erleben stehen in fortwährender Wechselwirkung und können durch bewusste Aufmerksamkeit beeinflusst werden.
Haanel spricht davon, Bewusstsein durchdringe jeden Teil des Körpers. Wörtlich lässt sich Bewusstsein nicht wie eine Flüssigkeit in einzelnen Geweben nachweisen. Erfahrbar ist jedoch, dass wir unseren Körper bewusst wahrnehmen und beeinflussen können. Aufmerksamkeit verändert Muskelspannung, Atmung, Haltung und die Intensität mancher Empfindungen. Gedanken können körperliche Reaktionen auslösen, und körperliche Zustände färben wiederum das Denken.
Diese Verbindung eröffnet einen praktischen Zugang. Wer eine automatische Reaktion verändern will, kann beobachten, wo sie körperlich beginnt. Wird der Atem flach? Zieht sich der Bauch zusammen? Verhärtet sich der Kiefer? Die bewusste Wahrnehmung schafft einen Zwischenraum, in dem Regulation möglich wird. Das bedeutet nicht, jede körperliche Reaktion kontrollieren zu können. Es bedeutet, nicht länger vollkommen unbemerkt von ihr geführt zu werden.
Kernaussage: Menschen tragen ererbte Anlagen und generationell weitergegebene Einflüsse in sich, sind ihnen jedoch nicht in jeder Hinsicht ausgeliefert.
Haanels Verständnis von Vererbung entspricht dem wissenschaftlichen Stand seiner Zeit und vermischt biologische Anlagen mit den Auswirkungen früherer Umgebungen. Heute unterscheiden wir genauer zwischen genetischer Vererbung, epigenetischen Einflüssen, familiärer Prägung und kultureller Weitergabe. Nicht alles, was sich über Generationen wiederholt, wird durch Gene übertragen. Vieles wird durch Verhalten, Sprache, Erziehung und gesellschaftliche Bedingungen weitergegeben.
Die moderne Erkenntnis macht den Menschen weder vollkommen frei von seinen Voraussetzungen noch hoffnungslos an sie gebunden. Gene beeinflussen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, schreiben aber nicht jeden Charakterzug und jede Lebensentscheidung im Voraus fest. Ebenso können familiäre Muster erkannt und unterbrochen werden. Autorität über das eigene Leben bedeutet nicht, die Herkunft zu leugnen. Sie bedeutet, bewusst zu entscheiden, welche Teile dieses Erbes weiterentwickelt und welche nicht länger fortgeführt werden sollen.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053