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Kapitel 4 – Das wahre „Ich“

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Moderne Kommentare zu den 32 Lehrabsätzen

Vorbemerkung

Nach den ersten drei Kapiteln könnte der Eindruck entstehen, der Verstand selbst sei die höchste Instanz des Menschen. Kapitel 4 korrigiert diese Vorstellung. Der Verstand ist ein Werkzeug – ein außerordentlich machtvolles, aber dennoch ein Werkzeug. Auch der Körper, die Persönlichkeit, die Gewohnheiten und die wechselnden Gefühle sind nicht das eigentliche „Ich“. Sie gehören zu uns, sie dienen uns, sie drücken uns aus, aber sie sind nicht die letzte Instanz unseres Wesens.

Damit stellt Haanel eine der ältesten und bedeutendsten Fragen der Menschheit: Wer ist es, der denkt? Wer bemerkt einen Gedanken? Wer kann eine Gewohnheit beobachten und entscheiden, sie zu verändern? Wer kann den Körper bewegen, eine Emotion wahrnehmen und dennoch eine andere Handlung wählen? Dieses beobachtende, entscheidende und schöpferische Prinzip bezeichnet er als das wahre „Ich“.

Die Erkenntnis des „Ich“ soll jedoch nicht zu Selbstverherrlichung führen. Das wäre lediglich die alte Persönlichkeit in einem metaphysischen Kostüm. Das wahre „Ich“ erkennt sich nach Haanel als Individualisierung eines universellen Lebens. Daraus folgen sowohl Macht als auch Verantwortung. Seine Kraft kann nicht dauerhaft gegen das Ganze eingesetzt werden, ohne auch den Menschen zu beschädigen, der sie einsetzt. Deshalb verbindet dieses Kapitel Selbstbeherrschung mit Dienst, Individualität mit Einheit und persönliche Entwicklung mit dem Wohl anderer.

Absatz 1 – Körper und Verstand sind Werkzeuge

Kernaussage: Das wahre „Ich“ ist weder der physische Körper noch der denkende Verstand, sondern jene Instanz, die beide wahrnehmen und gebrauchen kann.

Wir sagen: „Mein Körper“, „meine Gedanken“, „mein Verstand“. Schon die Sprache deutet eine Beziehung von Besitzer und Besitz an. Was mir gehört, kann nicht vollständig mit dem identisch sein, der es besitzt. Der Körper verändert sich fortwährend, Gedanken kommen und gehen, Erinnerungen verblassen und Überzeugungen können sich wandeln. Dennoch erleben wir eine innere Kontinuität, die all diese Veränderungen wahrnimmt.

Den Körper als Hilfsmittel zu bezeichnen, darf allerdings nicht zu seiner Geringschätzung führen. Ein gutes Werkzeug verdient Pflege, und der Körper ist weit mehr als eine austauschbare Maschine. Er ist die konkrete Form, durch die wir in dieser Welt erfahren, handeln und Beziehungen eingehen. Ebenso ist der Verstand kein Gegner, der überwunden werden muss. Er soll geschult und geführt werden. Das Problem beginnt nicht damit, dass wir einen Körper und einen Verstand besitzen, sondern wenn wir vergessen, dass wir ihnen Richtung geben können.

Absatz 2 – Die steuernde Instanz

Kernaussage: Das wahre „Ich“ zeigt sich in der Fähigkeit, Körper und Verstand bewusst auszurichten.

Wenn ein Mensch einen Gedanken beobachten kann, ist er mehr als dieser Gedanke. Wenn er einen Impuls wahrnimmt und ihm nicht folgt, ist er mehr als dieser Impuls. In dieser Fähigkeit zur inneren Distanz liegt die erste Erfahrung des „Ich“. Es ist nicht unbedingt als Gegenstand zu finden, weil es selbst dasjenige ist, das sucht, beobachtet und erkennt.

Die daraus entstehende Macht ist zunächst still. Sie besteht nicht darin, andere zu beherrschen oder das Leben nach Belieben zu kommandieren. Sie beginnt mit der Entdeckung, dass die eigenen inneren Vorgänge nicht automatisch das letzte Wort haben. Ich kann Angst empfinden und dennoch handeln. Ich kann Ärger bemerken und mich gegen eine Verletzung entscheiden. Ich kann einen alten Gedanken erkennen und ihm die weitere Finanzierung entziehen. Diese Freiheit ist klein, solange sie ungeübt bleibt, aber sie ist der Ausgangspunkt jeder Selbstbeherrschung.

Absatz 3 – Die Persönlichkeit ist geworden

Kernaussage: Persönlichkeit, Gewohnheiten und Charakterzüge sind zu einem erheblichen Teil das Ergebnis früherer Denk- und Verhaltensweisen, nicht die unveränderliche Essenz des Menschen.

Menschen erklären sich häufig mit Sätzen wie: „So bin ich eben.“ Meist beschreiben sie damit keine ewige Wahrheit, sondern ein vertrautes Muster. Vielleicht reagieren sie seit Jahren auf dieselbe Weise, haben bestimmte Eigenschaften verstärkt und andere kaum entwickelt. Aus Wiederholung entstand Gewohnheit, aus Gewohnheit wurde Persönlichkeit und aus Persönlichkeit schließlich eine scheinbar unumstößliche Identität.

Die Unterscheidung zwischen Persönlichkeit und wahrem „Ich“ eröffnet Veränderung. Wenn meine gegenwärtigen Eigenschaften geworden sind, können sie weiterentwickelt werden. Das bedeutet nicht, jede Eigenart abzulehnen oder sich eine künstliche Persönlichkeit anzutrainieren. Es bedeutet, nicht länger jede Begrenzung als heiliges Selbst anzusehen. Das wahre „Ich“ besitzt Persönlichkeit, aber es ist nicht in ihr eingesperrt. Es kann sie prüfen, verfeinern und zu einem immer geeigneteren Ausdrucksmittel machen.

Absatz 4 – Das geistige „Ich“

Kernaussage: Hinter Denken und körperlichem Handeln steht ein geistiges Prinzip, das Richtung geben und Entscheidungen treffen kann.

Wenn wir sagen: „Ich denke“, wird leicht übersehen, dass Denken häufig auch ohne bewusste Absicht geschieht. Gedanken tauchen auf, Erinnerungen melden sich und innere Gespräche setzen sich scheinbar von selbst fort. Das „Ich“ zeigt sich daher nicht in jedem geistigen Geräusch, sondern vor allem in der Fähigkeit, Denken bewusst auszurichten. Es kann ein Thema wählen, eine Frage stellen und die Aufmerksamkeit zurückführen.

Dass die wahre Natur des „Ich“ geistig sei, bedeutet bei Haanel mehr als bloße Intelligenz. Das „Ich“ ist Ausdruck derselben grundlegenden Kraft, die Leben, Bewusstsein und Schöpfung ermöglicht. Männer und Frauen besitzen diese Kraft gleichermaßen; sie ist kein Privileg eines Geschlechts, einer gesellschaftlichen Stellung oder einer religiösen Autorität. Der Zugang beginnt mit Selbsterkenntnis. Wer seine geistige Würde erkannt hat, muss sie nicht länger von anderen bestätigen lassen.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053