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Kapitel 22 – Neues Denken, neuer Mensch

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  1. Moderne Kommentare zu den 31 Lehrabsätzen
  2. Vorbemerkung
  3. 1. Wissen macht zukünftige Gestaltung möglich
  4. 2. Jeder wiederholte Gedanke bildet eine Neigung
  5. 3. Die Ernte offenbart die Qualität der geistigen Saat
  6. 4. Ein geistiges Gesundheitsbild kann Regeneration unterstützen
  7. 5. Der Geist beeinflusst den Körper über vielfältige Kommunikationswege
  8. 6. Veränderung der Schwingung verändert die mögliche Form
  9. 7. Die geistige Kraft wird ohnehin benutzt
  10. 8. Die eigene Erfahrung zeigt die körperliche Qualität von Gedanken
  11. 9. Der Geist besitzt wirklichen Einfluss auf den Körper
  12. 10. Bewusste Gedanken erzeugen unmittelbar sichtbare Körperreaktionen
  13. 11. Das Unterbewusstsein organisiert fortwährend Heilungsprozesse
  14. 12. Widersprüchliche Alarmbefehle können die innere Arbeit erschweren
  15. 13. Heilung beginnt in der inneren Beziehung zum Leben
  16. 14. Eine neue Wirkung verlangt eine neue Ursache
  17. 15. Körperzellen reagieren auf ihre Umgebung und die Signale des Ganzen
  18. 16. Ein vollkommenes Gesundheitsbild bietet eine ordnende Richtung
  19. 17. Die Geisteshaltung beeinflusst das gesamte körperliche Milieu
  20. 18. Der Körper ist organisierte Bewegung
  21. 19. Auch Denken ist Bewegung
  22. 20. Eine umfassendere Ordnung kann eine begrenztere Bewegung verändern
  23. 21. Der Empfangsapparat bestimmt, welche geistige Qualität körperlich wirksam wird
  24. 22. Bewusste Übung schafft neue geistige Aufnahmefähigkeit
  25. 23. Harmonie mit dem Naturgesetz erweitert den Bereich des Möglichen
  26. 24. Die Medizin erkennt zunehmend die Macht des Bewusstseins
  27. 25. Gute Heilkunde enthält oft intuitive Menschenkenntnis
  28. 26. Geistige Heilungsfaktoren gehören ernsthaft erforscht
  29. 27. Der Patient kann aktiv am Heilungsprozess teilnehmen
  30. Die Wochenübung: Näher als der Atem
  31. 28. Gebet als unmittelbare Berührung von individuellem und Universellem Bewusstsein
  32. 29. Krankheit und Leid sind nicht der Wille eines strafenden Gottes
  33. 30. Ein angstbasiertes Gottesbild erzeugt innere Trennung
  34. 31. Der Idealmensch erkennt sein göttliches Ursprungsbild
  35. Abschließende Essenz von Kapitel 22

Moderne Kommentare zu den 31 Lehrabsätzen

Vorbemerkung

Kapitel 22 führt die bisherige Lehre in den menschlichen Körper. Der Gedanke wird nicht mehr nur als Ursache von Charakter, Entscheidung und Lebensumgebung betrachtet. Haanel untersucht nun, wie sich die innere Geisteshaltung in körperlichen Vorgängen ausdrücken kann.

Seine Grundthese lautet:

Gedanken sind geistiges Saatgut. Das Unterbewusstsein nimmt dieses Saatgut auf und übersetzt seine vorherrschende Qualität in körperliche, seelische und praktische Prozesse.

Angst, Sorge, Hass und Eifersucht sind in dieser Sicht nicht bloß unangenehme Gedanken. Sie erzeugen innere Alarmzustände, binden Aufmerksamkeit, beeinflussen das Nervensystem und können Regeneration, Schlaf, Verdauung, Bewegung und soziale Beziehung mitprägen.

Moderne Medizin und Psychologie bestätigen grundsätzlich, dass chronischer Stress und emotionale Belastungen auf viele körperliche Systeme einwirken können. Dennoch wäre es falsch, jede Krankheit ausschließlich auf Gedanken zurückzuführen. Veranlagung, Infektionen, Verletzungen, Ernährung, Umwelt, soziale Bedingungen und zahlreiche weitere Ursachen gehören ebenfalls zum Gesamtbild.

Haanels metaphysische Lehre sollte deshalb nicht als Schuldformel gelesen werden:

Krankheit ist kein Beweis für geistiges Versagen, mangelnde Liebe oder unzureichenden Glauben.

Die schöpferische Macht des Bewusstseins bedeutet nicht, dass der Mensch persönlich jede körperliche Störung verursacht hat. Sie bedeutet, dass seine innere Haltung innerhalb eines vielschichtigen Ursachengefüges eine mitwirkende und teilweise bewusst beeinflussbare Kraft darstellt.

Der menschliche Körper ist kein willenloser Gegenstand. Er ist eine hochintelligente Gemeinschaft von Zellen, Organen, Regulations- und Kommunikationssystemen. Ein großer Teil seiner Tätigkeit dient fortwährend Erhaltung, Schutz, Anpassung und Heilung.

Die Aufgabe des bewussten Geistes besteht daher nicht darin, jede Zelle mit angestrengter Willenskraft zu kontrollieren. Sie besteht darin, dem gesamten System eine möglichst klare, vertrauensvolle und harmonische Führung anzubieten.

Das Bild des Kriegsschiffes wird hier erneut bedeutsam:

  • Das Schiff ist der Körper.

Der Kapitän ist der bewusste Geist.

Die Befehls- und Kommunikationswege entsprechen Unterbewusstsein und Nervensystem.

Die Mannschaft besteht aus den Körperzellen.

  • Wenn der Kapitän fortwährend widersprüchliche Alarmbefehle erteilt, kann die Mannschaft ihre Aufgaben nur unter erschwerten Bedingungen erfüllen. Wenn er dagegen Gefahr sachlich erkennt, notwendige Hilfe organisiert und anschließend Vertrauen in die Arbeit des Systems ausstrahlt, entstehen bessere Voraussetzungen für Ordnung und Regeneration.

Kapitel 22 verkündet deshalb nicht die Herrschaft des Geistes über einen minderwertigen Körper. Es lehrt die Wiederherstellung einer bewussten Zusammenarbeit mit der Intelligenz des Körpers und dem universellen Lebensprinzip, das sich durch ihn ausdrückt.

1. Wissen macht zukünftige Gestaltung möglich

Der Wert des Wissens liegt darin, dass erkannte Ursachen verändert und dadurch neue zukünftige Wirkungen vorbereitet werden können.

Wenn Charakter, Fähigkeiten und Lebensumstände teilweise aus früheren Denk- und Handlungsmustern hervorgegangen sind, folgt daraus nicht, dass wir Gefangene der Vergangenheit bleiben müssen.

Das Gegenwärtige zeigt, was bisher gewirkt hat. Das Wissen darüber eröffnet jedoch einen neuen Anfangspunkt.

Haanel bezieht auch den körperlichen Zustand in diese Ursachenkette ein. Hier ist Differenzierung wichtig: Gedanken gehören zu den wirkenden Ursachen, aber nicht notwendig zu allen Ursachen.

Der befreiende Teil seiner Aussage lautet: Selbst wenn wir die Vergangenheit nicht ändern können, können wir unsere gegenwärtige Beziehung zu ihr verändern. Dadurch wird eine neue Ursache gesetzt, die nicht mehr bloß die alte Wirkung fortsetzt.

2. Jeder wiederholte Gedanke bildet eine Neigung

Ein Gedanke hinterlässt einen Eindruck, aus wiederholten Eindrücken entstehen Neigungen, und Neigungen ziehen verwandte Gedanken nach sich.

Das Unterbewusstsein arbeitet assoziativ. Ein häufig wiederholter Gedanke wird leichter zugänglich und verbindet sich mit ähnlichen Erinnerungen, Gefühlen und Erwartungen.

So kann aus einer einzelnen Sorge ein ganzes Wahrnehmungsmuster entstehen. Das Bewusstsein beginnt, bevorzugt jene Informationen zu erkennen, die die Sorge bestätigen.

Der Vorgang gilt ebenso für konstruktive Gedanken. Wiederholtes Vertrauen erleichtert es, Handlungsmöglichkeiten zu sehen. Wiederholte Dankbarkeit macht vorhandene Unterstützung bewusster.

Jede Saat entwickelt ein ihr entsprechendes Wurzelwerk. Deshalb ist nicht nur wichtig, welcher Gedanke einmal erscheint, sondern welche Gedankenfamilie wir regelmäßig in unserem Bewusstsein ansiedeln.

3. Die Ernte offenbart die Qualität der geistigen Saat

Wir sollten unsere wiederkehrenden Gedanken danach beurteilen, welche körperlichen, seelischen und praktischen Wirkungen sie langfristig fördern.

Haanel fragt: Was denken wir, was erschaffen wir und welche Ernte muss daraus hervorgehen?

Diese Fragen dienen nicht der Selbstanklage. Sie sind Werkzeuge geistiger Landwirtschaft.

Ein Gedanke kann sich angenehm anfühlen und dennoch eine ungünstige Ernte vorbereiten. Selbstmitleid kann kurzfristig entlasten, aber langfristig Ohnmacht festigen. Umgekehrt kann eine unbequeme Wahrheit zunächst schmerzen und später Freiheit hervorbringen.

Entscheidend ist nicht nur, wie sich ein Gedanke augenblicklich anfühlt. Entscheidend ist, welche Beziehung zum Leben er aufbaut.

Die Frucht zeigt den Charakter der Saat deutlicher als deren schöne Bezeichnung.

4. Ein geistiges Gesundheitsbild kann Regeneration unterstützen

Die Visualisierung körperlicher Ganzheit richtet das Bewusstsein auf Gesundheit statt auf die ausschließliche Betrachtung der Störung.

Haanel berichtet von schnellen Heilungen durch Visualisierung. Solche Aussagen sollten weder pauschal versprochen noch grundsätzlich als bedeutungslos abgetan werden. Heilungsverläufe sind individuell und besitzen viele Ursachen.

Die praktische Kraft der Übung liegt darin, dem Unterbewusstsein ein konstruktives Ordnungsbild anzubieten. Statt den Körper fortwährend als beschädigt, feindlich oder hoffnungslos zu erleben, betrachten wir ihn als lebendiges System mit Fähigkeiten zur Regulation und Erneuerung.

Dieses Bild ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Es kann jedoch verhindern, dass die Behandlung von einer dauerhaften inneren Botschaft der Aussichtslosigkeit begleitet wird.

Visualisierung ist dann keine Leugnung des Befundes. Sie ist die bewusste Hinwendung zum möglichen Zustand jenseits des Befundes.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053