Kapitel 20 stellt eine der grundlegendsten Fragen des gesamten Master Key Systems: Wenn das Universelle Bewusstsein allgegenwärtig ist und sein innerstes Wesen Liebe, Leben und schöpferische Kraft darstellt – woher kommen dann Zerstörung, Leid und das, was wir „böse“ nennen?
Haanels Antwort knüpft unmittelbar an die Polaritätslehre des vorherigen Kapitels an. Es gibt für ihn nicht zwei gleichrangige schöpferische Mächte – eine gute und eine böse. Es gibt eine universelle schöpferische Kraft, die durch das individuelle Bewusstsein unterschiedliche Richtungen und Formen annehmen kann.
Denken ist schöpferisch. Es kann verbinden oder trennen, aufbauen oder zerstören, Wahrheit ausdrücken oder eine Täuschung erzeugen. Wenn sich diese Kraft in einer lebensfördernden und harmonischen Form zeigt, nennen wir das Ergebnis „gut“. Wenn dieselbe Kraft zur Verletzung, Unterdrückung oder Zerstörung verwendet wird, nennen wir ihre Wirkung „böse“.
Das bedeutet keineswegs, gut und böse seien beliebige Bezeichnungen ohne wirklichen Unterschied. Die Wirkungen sind real und müssen verantwortlich beurteilt werden. Haanel bestreitet nicht die Realität von Leid. Er bestreitet die Existenz einer eigenständigen, der schöpferischen Quelle gleichrangigen Macht des Bösen.
Das Zerstörerische besitzt demnach keine eigene Lebenskraft. Es benutzt und fehlleitet vorhandene Kraft. Eine Lüge benötigt Intelligenz, Sprache und eine Wahrheit, die sie verzerren kann. Gewalt benötigt Lebenskraft, Willen und Handlungsmöglichkeit. Das Böse erschafft diese Kräfte nicht – es richtet sie gegen Harmonie und Verbindung.
Daraus ergibt sich eine gewaltige Verantwortung: Wenn Denken der Handlung vorausgeht und Handlungen Umstände hervorbringen, dann liegt die wirkliche Aufgabe des Lebens nicht nur im äußeren Tun. Sie liegt in der bewussten Gestaltung jener inneren Ursachen, aus denen unser Tun hervorgeht.
Die praktische Bewegung des Kapitels lautet:
Erkennen – empfangen – denken – fühlen – handeln – verantworten.
Seinen Höhepunkt findet das Kapitel in einer Atem- und Einheitsübung. Haanel verbindet den physischen Atem mit dem „Odem des Lebens“: Bei jedem Atemzug können wir uns nicht nur als biologischen Organismus, sondern als lebendigen Ausdruck einer allgegenwärtigen geistigen Wirklichkeit erkennen.
Die geistige Bedeutung beziehungsweise das bewusste Prinzip einer Sache ist ursprünglicher als ihre wechselnde äußere Form.
Haanels Aussage, das Bewusstsein einer Sache sei die Sache selbst, unterscheidet zwischen Wesen und Erscheinung. Eine Beziehung besteht nicht nur aus zwei Menschen und einem Namen. Ihre eigentliche Wirklichkeit liegt in der gelebten Verbindung. Wohlstand besteht nicht nur aus Besitz, sondern aus der Fähigkeit, Wert und Möglichkeiten zu bewegen.
Auch unser eigenes Wesen ist nicht mit einer einzelnen äußeren Rolle identisch. Rollen, Körperzustände und Lebensumstände verändern sich. Das Bewusstsein, das diese Veränderungen wahrnimmt, bildet die fortlaufende innere Mitte unserer Erfahrung.
Eine Möglichkeit wird jedoch erst praktisch wirksam, wenn sie erkannt wird. Unbewusste Kraft bleibt vorhanden, aber ungenutzt.
Eine vorhandene Möglichkeit bleibt wirkungslos, solange sie weder erkannt noch angewendet wird.
Ein Mensch kann Zugang zu Wissen, Fähigkeiten und Unterstützung haben, ohne sie tatsächlich zu nutzen. Objektiver Besitz ist nicht dasselbe wie verfügbare Kraft.
Das gilt noch stärker für geistigen Reichtum. Die Fähigkeit zu denken, vorzustellen, zu entscheiden und die Aufmerksamkeit auszurichten ist jedem Menschen in unterschiedlichem Maß gegeben. Doch erst ihr bewusster Gebrauch verwandelt Potenzial in Macht.
Anerkennung bedeutet nicht, sich etwas einzureden. Sie bedeutet, eine wirkliche Fähigkeit nicht länger zu übersehen.
Gebrauch wiederum macht aus Anerkennung Erfahrung. Was nur theoretisch gewusst wird, bleibt unverkörpert.
Das Bewusstsein erkennt eine Möglichkeit; Denken überträgt sie schrittweise in die objektive Welt.
Haanel bezeichnet das Bewusstsein als Zepter und den Gedanken als Boten. Das Bewusstsein entscheidet, welcher Möglichkeit Bedeutung gegeben wird. Der Gedanke trägt diese Bedeutung in Vorstellungen, Worte, Entscheidungen und Handlungen.
Auf diese Weise wird eine unsichtbare Qualität sichtbar. Mut erscheint zunächst als innerer Zustand, dann als Entscheidung und schließlich als konkrete Handlung. Eine Idee beginnt im Bewusstsein und endet möglicherweise als Organisation, Werk oder Beziehung.
Anerkennung ist der Augenblick, in dem eine bisher ungenutzte Wirklichkeit in unseren bewussten Einflussbereich eintritt.
Was nicht erkannt wird, kann uns dennoch beeinflussen. Aber erst das Erkannte kann bewusst geführt werden.
Äußere Wirksamkeit hängt wesentlich davon ab, wie bewusst wir die geistige Kraft führen, die jeder Handlung vorausgeht.
Haanel nennt Denken die wirkliche Aufgabe des Lebens, weil es Richtung, Auswahl und Bedeutung erzeugt.
Das bedeutet nicht, dass bloßes Nachdenken praktische Arbeit ersetzen könne. Im Gegenteil: Richtiges Denken macht Handlung präziser und verhindert unnötige Arbeit.
Wer ohne klares Ziel handelt, muss vieles versuchen und korrigieren. Wer das Prinzip, den Zweck und die Bedingungen eines Vorhabens durchdrungen hat, kann seine Kraft gezielter einsetzen.
Denken ist dann kein Rückzug aus dem Tun. Es ist die innere Ordnung, durch die Tun wirksam wird.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053