Das erste Kapitel stellte die innere Welt als Ursache und die äußere Welt als Wirkung vor. Das zweite Kapitel führt nun in den Maschinenraum. Es unterscheidet zwischen dem bewussten Verstand, der wahrnimmt, prüft und entscheidet, und dem Unterbewusstsein, das aufnimmt, speichert, automatisiert und ausführt. Diese beiden Seiten des Geistes sind keine Gegner. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben und müssen sinnvoll zusammenarbeiten.
Dabei begegnen wir einer der wichtigsten Einsichten des gesamten Master Key Systems: Das Unterbewusstsein prüft nicht auf dieselbe Weise wie der bewusste Verstand. Es arbeitet mit dem Material, das ihm beständig zugeführt und glaubwürdig vermittelt wird. Deshalb trägt der bewusste Verstand die Verantwortung eines Wächters. Er entscheidet, welche Gedanken, Bilder, Urteile und fremden Vorschläge Zugang zu jener tieferen Ebene erhalten, auf der Gewohnheiten, Erwartungen und automatische Reaktionen entstehen.
In einer Zeit, in der Menschen täglich von Werbung, Nachrichten, sozialen Medien, politischen Erzählungen und künstlich erzeugten Empörungswellen bearbeitet werden, ist dieser Gedanke aktueller denn je. Wer das Tor seines Bewusstseins nicht selbst bewacht, wird nicht etwa unbeeinflusst bleiben. Er wird lediglich von anderen programmiert.
Kernaussage: Unser geistiges Leben besteht aus bewussten und unterbewussten Vorgängen, wobei der bewusste Verstand nur einen kleinen Teil der gesamten Aktivität wahrnimmt.
Der bewusste Verstand hält sich gern für den Hausherrn, weil er sprechen, planen, vergleichen und Entscheidungen begründen kann. Dabei übersieht er, dass der größte Teil unseres geistigen und körperlichen Lebens außerhalb seiner unmittelbaren Aufmerksamkeit stattfindet. Erinnerungen werden vorsortiert, Wahrnehmungen ergänzt, Bewegungen koordiniert, emotionale Reaktionen vorbereitet und unzählige körperliche Prozesse reguliert, ohne dass wir dafür einen bewussten Befehl erteilen.
Das Bild von der Taschenlampe ist deshalb treffend. Der bewusste Verstand beleuchtet jeweils einen kleinen Ausschnitt eines viel größeren Raumes. Was er gerade nicht sieht, hört deswegen nicht auf zu existieren oder zu wirken. Wer sich selbst verstehen will, darf daher nicht nur auf seine ausdrücklich formulierten Gedanken achten. Er muss auch seine spontanen Reaktionen, Gewohnheiten, Erwartungen und wiederkehrenden Lebensmuster untersuchen. Sie verraten oft mehr über das tatsächlich wirksame Bewusstsein als alle wohlformulierten Selbstauskünfte.
Kernaussage: Das Unterbewusstsein verarbeitet Informationen und bereitet Wahrnehmungen vor, ohne dass wir seine Arbeitsweise unmittelbar beobachten können.
Haanel beschreibt das Unterbewusstsein als zuverlässig und regelmäßig. Aus heutiger Sicht würden wir vorsichtiger formulieren: Unterbewusste Prozesse arbeiten ausgesprochen schnell, systematisch und häufig erstaunlich präzise, sind aber keineswegs grundsätzlich unfehlbar. Auch Vorurteile, Fehleinschätzungen und verzerrte Erinnerungen können automatisch entstehen. Das Unterbewusstsein verarbeitet zuverlässig – doch es ist auf die Qualität des Materials angewiesen, mit dem es arbeitet.
Wir erleben das ständig. Wir erkennen ein vertrautes Gesicht, verstehen einen Satz oder reagieren auf eine Veränderung im Tonfall, ohne die einzelnen Verarbeitungsschritte nachvollziehen zu können. Das Ergebnis erscheint im Bewusstsein, während die eigentliche Arbeit im Hintergrund stattgefunden hat. Diese verborgene Ordnung entlastet uns, macht uns aber auch abhängig von den Mustern, die dort gespeichert sind. Was automatisch geschieht, fühlt sich häufig natürlich und wahr an. Es kann dennoch lediglich gut eingeübt sein.
Kernaussage: Das Unterbewusstsein arbeitet im Hintergrund weiter und übergibt dem bewussten Verstand häufig erst das fertige Ergebnis.
Jeder kennt die Erfahrung, eine Frage vorerst nicht lösen zu können und später unvermittelt die Antwort zu erkennen. Man hört auf, angestrengt nachzudenken, beschäftigt sich mit etwas anderem oder schläft eine Nacht darüber – und plötzlich liegt die Lösung bereit. Das bedeutet nicht, dass ein unsichtbarer Fremder sie von außen geliefert haben muss. Häufig hat das Unterbewusstsein vorhandenes Material neu geordnet und Zusammenhänge hergestellt, die der angespannte Wachverstand nicht sehen konnte.
Die reife Frucht kann jedoch nur aus dem wachsen, was zuvor aufgenommen und bearbeitet wurde. Wer sich nie ernsthaft mit einer Frage beschäftigt, darf nicht erwarten, dass das Unterbewusstsein aus geistigem Vakuum eine brillante Antwort hervorbringt. Zuerst braucht es Beobachtung, Wissen, Erfahrung und eine klare Fragestellung. Danach ist Loslassen erlaubt. Das ist ein wichtiger Unterschied: Vertrauen in das Unterbewusstsein ersetzt die Vorbereitung nicht. Es vollendet sie.
Kernaussage: Große künstlerische und geistige Leistungen entstehen nicht ausschließlich durch bewusstes, lineares Denken.
Shakespeare, Phidias, Raphael und Beethoven stehen hier stellvertretend für jene Augenblicke, in denen ein Werk größer erscheint als die bewusste Anstrengung seines Schöpfers. Künstler berichten immer wieder, eine Melodie, Figur oder Form habe sich ihnen geradezu aufgedrängt. Das Werk scheint nicht mühsam zusammengesetzt, sondern empfangen worden zu sein. Dennoch wurde es von einer Person empfangen, deren Geist durch jahrelanges Studium, Übung und Hingabe vorbereitet war.
Inspiration bevorzugt vorbereitete Gefäße. Beethoven musste musikalische Formen beherrschen, bevor er sie überschreiten konnte. Shakespeare brauchte Sprache, Menschenkenntnis und Theaterpraxis. Das Unterbewusstsein verbindet, verdichtet und verwandelt, was ihm zur Verfügung steht. Genie ist deshalb weder reine Anstrengung noch reines Geschenk. Es entsteht dort, wo intensive Vorbereitung und tiefe Empfänglichkeit einander begegnen. Wer nur arbeitet, kann hölzern werden. Wer nur auf Eingebung wartet, bleibt meistens untätig.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053