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Kapitel 1 – Ein Bewusstsein, eine Kraft

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Inhaltsverzeichnis[Verstecken]
  1. Moderne Kommentare zu den 45 Lehrabsätzen
  2. Vorbemerkung
  3. Absatz 1 – Verstärkung ist ein Gesetz
  4. Absatz 2 – Die vorherrschende Geisteshaltung
  5. Absatz 3 – Denken als Ausgangspunkt
  6. Absatz 4 – Sein, Tun und Haben
  7. Absatz 5 – Kraft wird durch Bewusstsein verfügbar
  8. Absatz 6 – Die unsichtbare Innenwelt
  9. Absatz 7 – Herrschaft im eigenen Haus
  10. Absatz 8 – Das Außen als Ausdruck
  11. Absatz 9 – Harmonie als tragende Ordnung
  12. Absatz 10 – Die Bedeutung einer Erfahrung bestimmen
  13. Absatz 11 – Innerer Wohlstand
  14. Absatz 12 – Bewusstsein wird sichtbar
  15. Absatz 13 – Möglichkeit sehen und verwirklichen
  16. Absatz 14 – Geistige Aneignung
  17. Absatz 15 – Die Innenwelt ist praktisch
  18. Absatz 16 – Entwicklung statt bloßer Anhäufung
  19. Absatz 17 – Sammlung und Zerstreuung
  20. Absatz 18 – Harmonie mit dem Gesetz
  21. Absatz 19 – Der objektive Verstand und die Sinne
  22. Absatz 20 – Konstruktives Denken und Empfinden
  23. Absatz 21 – Die Verantwortung des objektiven Denkens
  24. Absatz 22 – Unterbewusstsein und innere Regulation
  25. Absatz 23 – Zusammenarbeit statt innerer Spaltung
  26. Absatz 24 – Das eine Prinzip
  27. Absatz 25 – Individualisierung des Universellen
  28. Absatz 26 – Ein Bewusstsein
  29. Absatz 27 – Geteilte Quelle, besondere Person
  30. Absatz 28 – Potenzial braucht Ausdruck
  31. Absatz 29 – Denken setzt Potenzial in Bewegung
  32. Absatz 30 – Potenziale des Universellen im Individuum
  33. Absatz 31 – Gedanke als Ursache
  34. Absatz 32 – Die Quelle der Kraft
  35. Absatz 33 – Bewusste Zusammenarbeit mit dem Gesetz
  36. Absatz 34 – Intelligenz und Zweck in der Natur
  37. Absatz 35 – Leben an der Oberfläche
  38. Absatz 36 – Ursache ändern, Wirkung verändern
  39. Absatz 37 – Die Wirkung lässt sich nicht an der Wirkung heilen
  40. Absatz 38 – Wachstum kommt von innen
  41. Absatz 39 – Quelle und Auslass
  42. Absatz 40 – Anerkennung als schöpferischer Akt
  43. Absatz 41 – Bewusstsein als Grundlage des Erlebten
  44. Absatz 42 – Die Matrix des Denkens
  45. Absatz 43 – Anwendung ist der Wert
  46. Absatz 44 – Die erste Übung: körperliche Stille
  47. Absatz 45 – Beherrschung vor Fortschritt
  48. Abschluss

Moderne Kommentare zu den 45 Lehrabsätzen

Vorbemerkung

Das erste Kapitel ist keine gefällige Einführung. Es legt das Fundament, auf dem alles Weitere ruht: Die sichtbare Welt ist Wirkung, die unsichtbare Welt der Gedanken, Überzeugungen und inneren Ordnungen ist Ursache. Wer diese Reihenfolge verwechselt, arbeitet ein Leben lang an Symptomen und wundert sich, warum sich trotz großer Anstrengung so wenig Grundsätzliches ändert.

Die folgenden Kommentare übertragen Haanels Aussagen in unsere Zeit. Sie wollen den ursprünglichen Gedanken weder entschärfen noch museal verwahren. Wo die Sprache von 1912 heute einer Einordnung bedarf, wird sie eingeordnet; wo sie unbequem ist, darf sie unbequem bleiben. Denn das Master Key System ist keine Sammlung angenehmer Sätze. Es ist eine Gebrauchsanweisung für geistige Verantwortung.

Absatz 1 – Verstärkung ist ein Gesetz

Kernaussage: Vorhandene Tendenzen neigen dazu, sich selbst zu verstärken – im Aufbau ebenso wie im Verlust.

„Viel führt zu mehr“ ist keine primitive Reichtumsformel. Haanel beschreibt das Gesetz der Akkumulation. Aufmerksamkeit, Wissen, Vertrauen, Beziehungen, Kapital und Gewohnheiten vermehren sich leichter, sobald eine tragfähige Grundlage vorhanden ist. Dasselbe gilt in der Gegenrichtung: Dauernde Zerstreuung schwächt die Konzentration; wiederholte Resignation senkt die Erwartung; ungeordnete Finanzen erzeugen weitere Unordnung. Nicht das Universum bevorzugt die Besitzenden und bestraft die Besitzlosen. Die bestehende Richtung gewinnt schlicht an Trägheit.

Modern gesprochen geht es um Rückkopplungsschleifen. Wer täglich eine Fähigkeit schult, verändert nicht nur sein Können, sondern auch sein Selbstbild, seine Möglichkeiten und sein Umfeld. Wer täglich dieselbe Ausrede pflegt, baut ebenfalls etwas auf – nur eben eine immer belastbarere Rechtfertigungsarchitektur. Der erste Schritt besteht deshalb darin, die laufende Richtung nüchtern zu erkennen. Man kann einen Zug nur umstellen, wenn man zugibt, auf welchem Gleis er fährt.

Absatz 2 – Die vorherrschende Geisteshaltung

Kernaussage: Unsere gewohnte innere Haltung prägt, welche Bedingungen wir hervorbringen, wählen und aufrechterhalten.

Dieser Satz wird oft missverstanden, als habe der Mensch jedes Ereignis seines Lebens bewusst bestellt. Das ist Unsinn und eine bequeme Form spiritueller Grausamkeit. Wir leben in Familien, Gesellschaften, Wirtschaftssystemen und historischen Umständen, die nicht allein unserem Denken entspringen. Dennoch entscheidet unsere vorherrschende Geisteshaltung wesentlich darüber, was wir wahrnehmen, für möglich halten, dulden, wiederholen und verändern.

Der entscheidende Begriff ist „vorherrschend“. Ein gelegentlicher positiver Gedanke wiegt keine jahrelang eingeübte Überzeugung auf. Wer sich innerlich für machtlos hält, wird Möglichkeiten übersehen, Grenzen zu spät setzen und fremde Urteile höher bewerten als die eigene Erkenntnis. Wer dagegen Verantwortung, Lernfähigkeit und schöpferische Beteiligung zu seiner Grundhaltung macht, begegnet derselben Welt mit einem anderen Instrumentarium. Die Welt wird dadurch nicht sofort bequem. Aber sie wird wieder bearbeitbar.

Absatz 3 – Denken als Ausgangspunkt

Kernaussage: Macht, Leistung und Besitz beginnen mit der Qualität und Ordnung unseres Denkens.

Alles Sichtbare durchlief zunächst eine unsichtbare Phase: als Wahrnehmung, Idee, Entscheidung, Plan oder innere Zustimmung. Ein Unternehmen, ein Buch, eine Beziehungskultur oder ein persönlicher Neubeginn fällt nicht fertig vom Himmel. Bevor etwas aufgebaut wird, muss es im Bewusstsein als Möglichkeit erkannt, unterschieden und festgehalten werden. Denken ist deshalb kein dekorativer Begleiter des Handelns, sondern dessen Steuerungsinstanz.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Denken an die Stelle des Tuns tritt. Wer Visionen sammelt, aber keine Rechnung schreibt, keinen Anruf tätigt und keine Fähigkeit trainiert, verwechselt die Blaupause mit dem Gebäude. Der moderne Kommentar zu Haanel lautet: Denke klar genug, dass daraus eine Richtung entsteht; denke wahr genug, dass die Richtung der Wirklichkeit standhält; und denke verbindlich genug, dass dein Körper und dein Kalender erfahren, was dein Mund behauptet.

Absatz 4 – Sein, Tun und Haben

Kernaussage: Nachhaltiges Handeln wächst aus dem inneren Zustand; äußerer Besitz folgt dem, was wir verkörpern.

Die Reihenfolge lautet Sein, Tun, Haben – nicht Haben, Tun, Sein. Viele Menschen vertagen ihre Identität: Wenn ich erst genügend Geld, Zeit, Anerkennung oder Sicherheit habe, werde ich mutig, großzügig oder schöpferisch handeln. Damit machen sie das Ergebnis zur Voraussetzung seiner eigenen Entstehung. Der Mensch, der sie werden wollen, soll erst erscheinen, nachdem dessen Werk vollbracht wurde. Das kann nicht funktionieren.

„Sein“ meint keine starre Persönlichkeit. Es bezeichnet den gegenwärtigen Grad an Bewusstsein, Haltung und Fähigkeit. Wer verlässlich sein will, beginnt mit einer verlässlichen Handlung, lange bevor ihm jemand dafür eine Auszeichnung verleiht. Wer Wohlstand schaffen will, entwickelt zuerst Wertbewusstsein, Urteilskraft und den verantwortlichen Umgang mit vorhandenen Mitteln. Wir handeln immer aus dem heraus, was wir innerlich für wahr und für uns möglich halten. Darum beginnt jede wirkliche Veränderung mit einer Erweiterung dessen, was wir zu sein bereit sind.

Zuerst kommt das Wissen, dann die Arbeit. Erst viel später, vielleicht nachdem Du gestorben bist, wächst etwas aus dem, was Du erschaffen hast.
- Mevlana Jalal al-Din Rumi (1207-1273), Mathnawi, V, 1053