Idealgewicht
Wenn zu wenig oder zu viel die Lebensqualität mindert – und wie das Master Key System hilft, den Körper nicht länger zu bekämpfen, sondern bewusst zu führen
Einleitung
Der Begriff „Idealgewicht“ klingt präziser, als er ist. Er weckt die Vorstellung, für jeden Menschen existiere irgendwo eine mathematisch korrekte Zahl, bei deren Erreichen der Körper endlich als gelungen gelten dürfe. Einige Kilogramm darüber bedeuten Versagen, einige darunter Disziplin, Attraktivität oder besondere Willenskraft. So jedenfalls lautet eine der hartnäckigsten kulturellen Erzählungen über den menschlichen Körper.
Der Körper ist jedoch keine Excel-Tabelle mit einem einzigen korrekten Ergebnis.
Zwei Menschen können bei gleicher Größe und gleichem Gewicht vollkommen unterschiedlich gebaut sein, sich unterschiedlich bewegen, eine andere Muskelmasse besitzen, anders altern und gesundheitlich in einer völlig anderen Lage sein. Gewicht ist ein Hinweis. Es ist nicht die vollständige Wahrheit über einen Menschen, seine Gesundheit oder seinen Wert.
Trotzdem wäre es ebenso unehrlich, jede Auseinandersetzung mit dem Gewicht als oberflächlich oder gesellschaftlich manipuliert abzutun. Zu viel oder zu wenig Körpergewicht kann die Beweglichkeit, den Schlaf, die Belastbarkeit, den Hormonhaushalt, die Stimmung, die Sexualität, die Selbstständigkeit und die allgemeine Lebensqualität beeinträchtigen. Manche Menschen kämpfen beim Treppensteigen um Luft. Andere frieren ständig, verlieren Kraft oder können kaum noch konzentriert arbeiten. Wieder andere tragen jahrelang Schmerzen, Scham und Erschöpfung mit sich herum, während ihre Umgebung ihnen entweder vorwirft, sie müssten sich nur zusammenreißen, oder ihnen aus falsch verstandener Rücksicht versichert, es gebe überhaupt kein Problem.
Beides hilft nicht.
Das Master Key System bietet für dieses Thema einen besonders wertvollen Zugang, weil es weder beim äußeren Symptom stehen bleibt noch den Körper zu einem bloßen Produkt positiver Gedanken erklärt. Es fragt nach der inneren Ursache, nach wiederholten Vorstellungen, nach Aufmerksamkeit, Gewohnheit, Selbstbild, Entscheidung und Handlung. Es erinnert daran, dass jede dauerhafte Veränderung von innen nach außen aufgebaut werden muss, ohne deshalb die körperliche Wirklichkeit zu leugnen.
Das Ziel besteht nicht darin, einen bestimmten Körper zu hassen, bis ein anderer entsteht.
Das Ziel besteht darin, eine innere Ordnung zu schaffen, aus der ein tragfähigerer Umgang mit Ernährung, Bewegung, Erholung, Genuss, Belastung und Selbstachtung hervorgehen kann.
Was bedeutet Idealgewicht überhaupt?
Ein Ideal ist im ursprünglichen Sinne kein starres Messinstrument, sondern ein Leitbild. Es beschreibt eine Form, auf die sich Denken und Handeln ausrichten können. Auf den Körper übertragen müsste das Idealgewicht daher jene körperliche Verfassung bezeichnen, in der ein Mensch möglichst gesund, beweglich, leistungsfähig und innerlich frei leben kann.
Diese Verfassung lässt sich nicht ausschließlich an einer Waage ablesen.
Ein Gewicht kann medizinisch unauffällig sein, während der Mensch kaum Muskelkraft besitzt, schlecht schläft, sich einseitig ernährt und seinen Körper nur mit Stimulanzien durch den Tag zwingt. Ein anderer kann statistisch über einem empfohlenen Bereich liegen und dennoch beweglicher, kräftiger und ausdauernder sein als viele leichtere Menschen. Ein dritter besitzt möglicherweise ein Gewicht, das von außen bewundert wird, hält es jedoch nur durch Hunger, Angst, Zwang und ein vollständig gestörtes Verhältnis zum Essen.
Das Idealgewicht ist deshalb keine Zahl, die von allen anderen Lebensbereichen getrennt werden darf. Es ist Teil eines größeren Zusammenhangs.
Kannst du dich schmerzarm bewegen?
Hast du Kraft für deinen Alltag?
Schläfst du ausreichend?
Kannst du Hunger und Sättigung noch wahrnehmen?
Ist Essen für dich Nahrung und Genuss oder hauptsächlich Trost, Betäubung, Kontrolle und Schuld?
Kannst du deinen Körper betrachten, ohne ihn entweder zu vergöttern oder zu verachten?
Hast du genug Energie für Arbeit, Familie, Sexualität, Kreativität und geistige Entwicklung?
Diese Fragen sagen häufig mehr über die tatsächliche körperliche Lage als die tägliche Kontrolle einer einzigen Zahl.
Natürlich können medizinische Richtwerte hilfreich sein. Sie können Risiken anzeigen und Veränderungen sichtbar machen. Doch ein Richtwert ist ein Werkzeug. Er ist kein Richter. Wer die Zahl zum moralischen Urteil erhebt, verwechselt Information mit Identität.
Der Körper ist kein öffentliches Gemeinschaftsprojekt
Kaum ein Thema erlaubt fremden Menschen so viele ungefragte Kommentare wie das Körpergewicht.
Wer zunimmt, hört Bemerkungen über Disziplin, Gesundheit oder Kleidung. Wer stark abnimmt, wird gelobt, bevor überhaupt jemand fragt, ob Krankheit, Trauer, Stress, Medikamente oder eine Essstörung dahinterstehen. Dünne Menschen bekommen gesagt, sie sollten endlich „etwas Richtiges essen“. Dicke Menschen erhalten beim Essen Blicke, als müssten sie jede Mahlzeit öffentlich rechtfertigen.
Der Körper scheint vielen als Gemeinschaftseigentum zu gelten.
Familienmitglieder, Kollegen, Freunde, Ärzte, Trainer, Partner und nahezu Fremde fühlen sich berufen, ihn zu bewerten. Manche nennen es Sorge. Andere tarnen ihre Übergriffigkeit als Ehrlichkeit. Wieder andere benutzen den Körper eines Menschen, um sich selbst überlegen zu fühlen.
Diese ständige äußere Bewertung dringt irgendwann in das innere Gespräch ein. Der Mensch betrachtet sich nicht mehr aus seiner eigenen Wahrnehmung, sondern durch die vermuteten Augen anderer. Er zieht sich an, um Körperstellen zu verstecken. Er betritt einen Raum und fragt sich sofort, wie er wirkt. Er isst nicht nach Hunger, sondern nach Beobachtung. Er bewegt sich nicht aus Freude oder Kraft, sondern aus dem Wunsch, sich eine gesellschaftlich akzeptiertere Gestalt zu verdienen.
Damit wird der Körper zur Bühne einer ununterbrochenen Fremdbewertung.
Das Master Key System fordert den Menschen auf, seinen bewussten Verstand wieder als Wächter einzusetzen. Nicht jede Bemerkung verdient Aufnahme. Nicht jede gesellschaftliche Norm besitzt Wahrheit. Nicht jeder Idealtyp, der auf einem Bildschirm erscheint, ist ein sinnvolles Vorbild für den eigenen Körper.
Gleichzeitig darf dieser Schutz vor Fremdbewertung nicht zur Ausrede werden, jede ehrliche Selbstprüfung abzuwehren. Es gibt einen Unterschied zwischen einem übergriffigen Kommentar und einer medizinisch oder persönlich begründeten Erkenntnis, dass der gegenwärtige Zustand die eigene Lebensqualität einschränkt.
Selbstbestimmung bedeutet nicht, jede unangenehme Wahrheit abzulehnen.
Sie bedeutet, selbst verantwortlich zu prüfen, was wahr ist.